Forschungsprojekt Bild- und Raumproduktion im Film

“München Mitte und Dazwischen –

Temporäre Strukturen für den Marienhof 

 


 

Was ist heute öffentlicher Raum? Wo trifft sich die Gesellschaft, wo verhandelt sie ihre Anliegen? Formt sich Öffentlichkeit noch auf den Straßen und Plätzen der Stadt? Oder längst im virtuellen Raum? Oder sind das falsche Alternativen – und wie könnten dann die Schnittpunkte aussehen, die analoge und digitale Realität verbinden?
Das Institut für Gestaltung der Fakultät für Architektur an der Hochschule München zeigt in der Rathausgalerie Arbeiten von Masterstudenten, die der Frage nachgehen, welchen architektonischen Rahmen öffentliches Handeln heute braucht. Die Ausstellung fokussiert auf den im Stadtzentrum gelegenen Marienhof hinter dem Rathaus, der im Wechselspiel zwischen Skulptur, Modell, Film und realem Ort bearbeitet wird. Im Spannungsfeld von Öffentlichkeit und Intermedialität entwerfen die Studenten ortsspezifische Pavillons, Plattformen und Strukturen, die den allseitig umschlossenen Freibereich im Stadtkern transformieren.So lässt Christopher Pawlowski ein Luftschloss über dem Marienhof schweben: eine virtuelle Wirklichkeit, die mittels Augmented Reality den realen Ort überlagert und ergänzt und für jeden Benutzer eines Smartphones oder

Tablets als scheinbare Fortsetzung der echten Welt erfahrbar ist. Mit der Geschichte des Platzes beschäftigen sich Alexander Araj und Tendar Kwami Die im Sommer 2012 wieder zum Vorschein getretenen Ruinen mittelalterlicher Bürgerhäuser aus dem 16. Jahrhundert werden von ihnen analysiert, modellhaft bearbeitet und als maßstäbliches Transplantat direkt in die Galerieräume projiziert. Susanne Weilands Entwurf fasst die selbstorganisierenden Strukturen von Gesellschaft zusammen mit der fraktalen, aus der Natur entnommenen Grundformel – dem Bauplan des Lebens – und generiert eine baumartige, rhizomatische Struktur für einen Pavillon. Neben der Präsentation der Modelle werden von David Curdija die virtuellen 3D Modelle der Projekte in Filmsequenzen des Marienhofs „eingebaut“. Diese und andere Arbeiten sind als temporäre Interventionen gedacht, die mit dem Bild des Forums oder der Agora operieren. Sie bilden Orte der Gemeinschaft, „kleine Utopien“, die ein gesellschaftliches Modell von Architektur vermitteln, das Räume für neue Erfahrungen, Bedürfnisse und Rituale schafft.

 

Fraktale Struktur, Susann Weiland

 
 


Modellsimulation im Film, Fraktale Struktur

 
 

Plateau, Alexander Araj & Kwami Tendar

 



Modellsimulation im Film, Plateau und Wintergarten

 

Pavillon, Thomas Neumair & Stipo Lukic

 


Modellsimulation im Film, Pavillon

Forschungsprojekt Bild- und Raumproduktion im Film

MASTERAUSSTELLUNG in der Rathausgalerie

 

Ausstellungsansicht und Grundrissprojektion der historischen Marienhofbebauung

 
 

Projectionmapping Marienhof auf Styropormodell

 

Plateau

Acryl, Styrodur

 

Plateau Alexander Araj, Kwami Tendar
Das Konzept basiert auf der historischen Struktur des Stadtviertels unter dem Marienhof. Dafür haben wir Grundrisse der Ruinen als Negativformen rekonstruiert. Die damaligen Wände sind jetzt Wege und die Räume Plätze, die begehbar sind – so wird der damalige Raum erlebbar. Einzelne Elemente, die historisch markant waren, wie zum Beispiel der Wintergarten des englischen Hotels, haben wir in Form eines Pavillons aufgenommen und als architektonischen Entwurf umgesetzt.
Bewusst werden hier die Einzelelemente des Pavillons nur fragmentarisch aufgegriffen. Die Glasstruktur des Wintergartens wird lediglich als Raster zitiert. Der Pavillon ist eine offene Struktur und kann als öffentlicher Raum ganz unterschiedlich bespielt werden.

 

White Cube Fountain, Christopher Pawlowski
Der Brunnen, das Ding im öffentlichen Raum, Ort des Schöpfens, der Selbsterkenntnis, Ort an dem die Dienstmagd über den gestürzten im Dunkel sitzenden Philosophen lacht (Platon über Thales), Ort der Reinigung und Lebensquell.
Dieses Bindeglied zwischen Diesseits und Jenseits, verknüpft das Diesseits als Gegenwärtigkeit, dem physisch erfahrbaren perzeptivenRaum der Öffentlichkeit mit dem Jenseits, einem Vorstellungsraum von subjektiven Interpretionen des Nichtfassbaren, einem Raum der Idee.
Der unsichtbare Brunnen als Beispiel für die Entgrenzung der Dinge, dem „verschmieren“ (E. Schrödigner) von Leben und Tod.

 
 

Monument Johannes Baum
Die Ruinen unter dem Marienhof in München sind Zeugen der Geschichte. Mitten im jetzigen Stadtzentrum stand bis ins 16. Jahrhundert direkt an der damaligen Stadtmauer ein Versammlungsgebäude. Erst als jüdische Synagoge gebaut und später als christliche Kirche genutzt, trafen sich dort Menschen nicht nur zur Ausübung religiöser Handlungen, sondern auch zu öffentlichen Disputen. Über dem ehemaligen Grundriss soll ein Ort öffentlicher Kommunikation entstehen.
Ein weißer Betonstreifen im Rasen, der die frühere Lage der Stadtmauer nachzeichnet, leitet die Passanten zum Mittelpunkt des Marienhofes. Dort soll eine Wand stehen, die mit Netzbildern aktueller Konflikte bedruckt ist. Weiteres Element ist eine ephemere Stoffkonstruktion, die den rechteckigen Grundriss umreißt. Der Marienhof wird zur öffentlichen Bühne für Vorträge, Performances und Veranstaltungen.

 

Konzeptmodell Pavillon, Ausstellungsansicht

 

Pavillon Thomas Neumair, Stipo Lukic
Der Pavillon ist als schwebender, gegossener Betonkörper gedacht. Innen die Reduktion des Blickes auf das Licht, den Himmel und die Wolken… Außen eine geschwungene, begehbare Dachlandschaft, die zum Verweilen einlädt. Durch die kreisförmige Öffnung in der Decke fällt ein Lichtkegel, der von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang durch den Raum wandert. In der Hektik der kommerzialisierten Innenstadt ein Ort der Entschleunigung.

 

Palmtree Dragica Latincic, André Wimmer
Palmtree besteht aus einfachen Rundprofilen aus Acryl. In Ihrer Anordnung wirken die Acrylprofile wie ein Wald von Stelen. Die Betrachter verlieren sich zwischen den Stelen und finden sich wieder in einer offenen Mitte. 855 filigrane Profile bilden eine auf das Zentrum konzentrierte, aus mehreren Kreisen bestehende Grundstruktur der Licht und Rauminstallation. Die Anordnung verdichtet sich fließend zum
Zentrum hin. Visuell von der Umwelt abgeschottet, richtet sich der Blick nach oben auf den Himmel. Der in der Mitte geschaffene Raum, abseits der alltäglichen Reizüberflutung, wird vom Individuum als Ort der Ruhe und Konzentration empfunden. Die fünf Zentimeter starken Rundprofile aus Acryl sind im Boden, ähnlich einer gelenkig gelagerten Stütze befestigt. 855 RGB LEDs beleuchten die Acrylprofile. Die
Lichtspektren werden mithilfe einer Computersoftware ermittelt. Der Betrachter wird zu einer interaktiven Reise eingeladen. Die durch die Lichtinstallation erzeugten Farbspektren basieren auf den Bildern, die im Netz zu ökologisch kritischen Themen veröffentlicht werden (z.B. die massive Rodung von Urwäldern im Auftrag großer Kosmetikhersteller).

 

Lasersinter-Modell, Fraktale Struktur

 

Fraktale Struktur Susanne Weiland
Das fraktale Gebilde aus gleichen V-förmigen Elementen wird nach bestimmten Voraussetzungen aufgebaut: Die Elemente werden immer im rechten Winkel zueinander verdreht zusammengesetzt und dürfen sich nicht berühren. Wo auch immer man zu bauen beginnt, wachsen die Elemente zum Boden hin, wodurch sich Bögen bilden. Alles entspringt aus einem ersten Element. Dieses System liegt dem Wachstum zugrunde. Aus 1 wird 2, dann 4,16, 32, 64…

 

Augmented Reality Christopher Pawlowski
Das Öffentliche verschiebt sich, richtet sich gegen ein dialektisches Verständnis der Dinge. Die Gegenwart, eine Zeit vermeintlich verschwimmender Grenzen und Massenflucht in die Virtualität, einer Entdinglichung bekannter Dinge und eine Verdinglichung von Räumen.
Das Ich wird zum zentralen, beständigen Glauben. Pseudoindividualität, Warenfetischismus und Trends, die plötzlich allgemeingültige Wertvorstellungen und neue Erwartungshaltuungen bilden. Die Konsequenz ist eine kollektive Intelligenz unter gleichzeitiger Bildung konservativer Wertevorstellung, die Ordnung und Struktur versprechen, um ein Sicherheitsbedürfnis zu stärken. Konzept: Das Grundstück des Marienhofs wird über GPS in Echtzeit getrackt. Die Koordinaten werden an ein Programm weitergeleitet. Dieses Programm rechnet virtuelle Ergänzungen ein und speist die Daten ins Internet. Mit einem internetfähigen Tablet, einem Smartphone oder einer Googleglass-Brille werden die virtuellen Ergänzugen vor Ort über diese Geräte abgebildet. Dieser Vorgang der augmented Reality besitzt die Möglichkeit, Räume immer wieder neu zu besetzen, zu strukturieren, aufzulösen – zu definieren. Dieser Ansatz öffnet den Raum der Rathausgalerie, erweitert diesen und erlaubt größere Projekte vorzustellen ohne materiellen Aufwand.
Es erlaubt einer virtualisierten Öffentlichkeit, sich im physisch öffentlichen Raum darzustellen und öffnet ein synergetisches Spannungsfeld im Interraum.

FORSCHUNGSBERICHT

 

Zur Geschichte der Herstellung von Illusionen in Kunst und Medien


Der Legende nach soll der griechische Maler Zeuxis auf so kunstvolle Weise Trauben gemalt haben, das Vögel angeflogen kamen, um sie aufzupicken. Die mimetische Kunst versucht seit ihren Anfängen optische Illusionen ins Bild zu setzen.
Die nächste Stufe der optischen Illusion beginnt mit der Renaissance.
„Die mit der Renaissance einsetzende Kultur der europäischen Neuzeit hat eine besondere Art fiktiver Welten geschaffen: das, was fiktiv ist, wird mit Hilfe von Illusionstechniken so inszeniert, dass imaginäre Objekte und Ereignisse erscheinen, „als ob sie real“ seien.  Kulminationspunkt dieser fiktiven Realitäten ist die Entdeckung der Zentralperspektive.“…Etwas gilt genau dann “als ob es real sei“, wenn es aus der Perspektive eines externen Beobachters symbolisch konstruiert ist.“1
Die Raumillusionen barocker Deckenfresken, die Herstellung von gemalten Panoramen und die Perfektionierung der Lichtführung in der Malerei sind Vorläufer für die erste große Erfindung eines neuen Mediums zur Herstellung von Illusionen – der Fotografie. Die Illusionsmaschinen der fotografischen Panoramen und Dioramen zielten auf die immersive Wahrnehmung des Betrachters in künstlichen Umgebungen.  Als Vorform des Virtuellen kann man die Stereoskopie zur Simulation einer räumlichen Wahrnehmung von fotografischen Bildern durch leicht abweichende Blickwinkel bezeichnen. Im 20. Jahrhundert erreichte dann der Film als Bewegungsbild eine neue Qualität in der Abbildung von Wirklichkeit als fiktive Konstruktion.   
„Egal ob man an Foto, Film oder Video denkt, lässt sich die visuelle Kultur des 19.  und 20. Jahrhunderts als Zeitalter des fotografischen Bildes bezeichnen. Heute geht dieses Zeitalter seinem Ende zu und ein neues Zeitalter bricht an: das Zeitalter der postfotografischen Illusion. An die Stelle der älteren Illusionsmaschinen, jener mit Linsen und/oder Film ausgerüsteten Apparate, tritt eine neue Illusionsmaschine – Software, die auf digitalen Computern läuft.“ 2
In „Jurassic Park“ von Steven Spielberg hat sich in den Neunzigerjahren in Hollywood die nahtlose Verbindung („seamlessness“) von unterschiedlichen Bildtypen und – Herkünften mit computersimulierten Objekten durchgesetzt. Entgegen der kognitiven Dissonanz ist die Filmillusion so perfekt, dass sie den Zuschauer überwältigen, Fiktion und Realität sind für ihn nicht mehr zu unterscheiden. Dennoch gibt es Mediendifferenzpointen: Im Film nähert sich die von Juliane Moore gespielte Dr. Sarah Harding fotografierend einem stoisch vor sich hingrasenden Pixel-Dino. Er lässt sich nicht stören und schließlich sogar streicheln. „Die scheinbare Berührung beglaubigt ästhetisch, das sich die pro-filmisch existierende Schauspielerin und das lediglich datenbasierte Urtier im raum-zeitlichen Kontinuum einer geteilten diegetischen Möglichkeitswelt bewegen.“ 3
In den zukunftsweisenden Perspektiven virtueller Realitäten gibt es dagegen keinen externen Betrachterstandpunkt mehr, von dem aus man in ein Bild hineinsieht, sondern man agiert im dreidimensionalen Raum. Die Distanz zwischen Betrachter und Bildraum ist aufgehoben.   

 

 

Modell und Film zusammen denken – Die Vergegenwärtigung des Zukünftigen
Wie sich Wirklichkeit in der computergenerierten erweiterten Realität darstellt


1925 stellte El Lissitzky eine  Fotomontage her, eine zu diesem Zeitpunkt avancierte und ungewöhnliche Visualisierungstechnik, um sein spektakulärstes Architekturprojekt, „Die Wolkenbügel“ in einer fotografischen Realität, in diesem Fall den Moskauer Nikitsky – Platz zu positionieren.


Wolkenbügel, 1924–1925, Fotomontage, Deckfarbe, Bleistift auf Karton, Russisches Staatsarchiv für Literatur und Kunst, Moskau. Kat. 36


Damit führt Lissitzy uns vor Augen, „das die Verwendung des Simulationsbegriffs in der Architektur nicht nur Ideen – sondern auch Mediengeschichte reflektiert. Denn noch eher der Begriff der Simulation als Anwendungsform der digitalen Repräsentationskünste auch in der Architektur in das Gravitationsfeld von Informationstechnologie und Erkenntnistheorie gerät, wie das heute der Fall ist, ist Simulation als architektonische Repräsentation vor allem den Traditionen der Mimesis verhaftet.“4
Heute ermöglicht das Medium des Films Entwurfsansätze, in denen virtuelle Modellkonstruktionen über 3D imaging nahtlos in die filmische Dokumentation integriert werden können. Die Simulation als Darstellungsform im 1:1 Modus gibt uns die Möglichkeit, einen Ort, einen Raum jeweils neu zu interpretieren, eine kritische Reflexion zum Ort zu entwickeln oder historische Bauten zu rekonstruieren. Die Virtualisierung der Entwurfsmodelle und das Verschmelzen mit den filmischen Aufnahmen des Ortes öffnen so ein synergetisches Spannungsfeld zwischen Skulptur, Modell, Raum und Ort, die den Betrachter einschließt. Das Virtuelle ist künftig Teil des Realen.
Im Gegensatz zu den maßstäblichen analogen Darstellungsmethoden, in denen man sich über einen Abstraktionsvorgang das Modell in einer bestimmten Umgebung vorstellen musste, erscheint jetzt ein lebendiger Ort, ein belebter Platz, nahtlos in das Modell eingefügt. Das bedeutet eine neue Wirklichkeitsebene des Entwurfs, eine Verlebendigung, eine erheblich anschaulichere Erlebnismöglichkeit von Ort und Modell im Kontext, die nicht zu vergleichen ist mit den bisherigen artifiziellen Photoshopversionen unserer städtischen Realitäten.  
Paul Milgram hat in seinem Modell einer mixed reality das Kontinuum zwischen Realität und Virtualität definiert. „Augmented Reality ( erweiterte Realität) wird wie folgt beschrieben: Im Gegensatz zu der virtuellen Realität, die sich auf eine Situation bezieht, die das Ziel hat, den Betrachter in eine völlig synthetische Umgebung eintauchen zu lassen, bezieht sich die Augmented Reality auf eine Situation, mit dem Ziel, die Wahrnehmung der wirklichen Welt zu ergänzen durch virtuelle Objekte.“5
„Augmented Reality basiert demnach auf der Kombination von realen und virtuellen Inhalten in einer realen Umgebung. Weiterhin definiert Azuma als wesentliche Voraussetzungen für ein augmented reality System Interaktivität und Echtzeit, die Anordnung  von realen und virtuellen Objekten zueinander, die sogenannte Registrierung.“6 Für den Entwurfsprozess bedeutet dies, Umgebungen und Orte über GPS in Echtzeit zu tracken. Die Koordinaten werden an ein Programm weitergeleitet, das virtuelle Ergänzungen einrechnet und die Daten ins Internet einspeist. Mit einem internetfähigem tablet oder smartphone werden die virtuellen Ergänzungen vor Ort abgebildet.
Über das Internet können mit  Augmented Reality Räume und Orte neu besetzt, kommentiert und jeweils anders erlebbar werden und der Umstand, dass verschiedene Zielgruppen am Entwurf beteiligt sind, wird die Entwurfspraktiken in Zukunft erweitern und verändern.

 

Der Modellbegriff im Kontext intermedialer Theorie- und Entwurfspraxis


1930 entwarf Mies van der Rohe ein Klubhaus für den Golfclub in Krefeld, das wegen der Wirtschaftlage nicht gebaut wurde. Nur wenige 100 Meter vom damals vorgesehenen Standort entfernt stellte das Architekturbüro Robbrecht en Daem aus Gent den Clubsitz als begehbares 1:1 Modell temporär in die originale Umgebung. Das Modell Mies 1:1 war für einen Sommer lang ein Ort zum Denken und Arbeiten.


MIES 1:1 Golfclub Projekt, Krefeld, Modellkonstruktion nach einem nicht realisierten Entwurf von Ludwig Mies van der Rohe


Das Symposium „Das Modell als Prototyp und Denkmodell“ reflektierte die Ausstellungsform von Mies 1:1 als modellhafte Rekonstruktion und abstrakte Visualisierungstechnik. In einem realisierten 1:1 Modell zu stehen, bedeutet, die spezifischen Qualitäten der Ausblicke in die Natur, die Durchsichten, Maßstäblichkeiten und Anordnungen wahrzunehmen. Der Entwurf ist so sinnlich erlebbar, kann kommentiert werden und ist Plattform für einen Dialog von Künstlern und Architekten. Es wurde auch ganz grundsätzlich über den heutigen Begriff des Modells nachgedacht und sein Potenzial gesellschaftliche Veränderung zu artikulieren. Künstler wie Thomas Schütte sprachen über die Funktion des Modells in ihrer künstlerischen Arbeit.   
Ausgehend von dieser Referenz untersuchten wir im Masterseminar WiSe13/14 die Schnittstellen des Modells in Architektur und Kunst, bzw. zwischen Modell und Skulptur. Dabei ging es um die Frage, wie sich der Modellbegriff heute definieren lässt und wie man ihn im Kontext intermedialer Theorie und Entwurfspraxis weiterdenken kann. Vorgestellt wurden Dan Grahams „in-between architectural objects“, Olafur Eliassons Modelle, Pavillons und performative Strategien und Liam Gillicks Plattformen im Kontext soziokultureller Recherchen. Diese Raumkonzeptionen „gehen  von der Prämisse aus, von einem starren ontologischen, dingzentrierten Modell auf ein betrachterabhängiges, polyperspektivisches, temporalisiertes (also zeit- körper- und bewegungsgebundenes)
Konzept umzustellen.“7 Im Sommer 2013 ließ der MoMa Kurator Klaus Biesenbach nach den dramatischen Folgen des Sturms Sandy in New York einen Buckminster Fuller Dome in dem verwüsteten Küstenstreifen Rockaway Beach, ein Surfer, Hippie und Künstlerterrain aufstellen.


Rockaway Beach, 94th Street New York, Buckminster Fuller Dome


Die Hülle wurde als temporäre Plattform, Shelter und Communicationcenter genutzt, in dem Veranstaltungen zu Themen wie Klimaveränderung, Kunst und Politikvernetzung stattfanden und ein Ort der Gemeinschaft /Subkultur initiiert wurde.  Auch diese Zusammenführung von Modellkonstruktion, soziokulturellem Diskurs und künstlerischen Strategien und Themen inspirierten unser Entwurfsprojekt.  Ausgehend von dem 1:1 Modell in Krefeld und dem modularen Dome in Rockaway Beach  mit öffentlichen Debatten,  Vorträgen und Filmen, stellte ich im Rahmen meines Ausstellungsprojekts „München Mitte und Dazwischen“ die Frage, welchen architektonischen Rahmen öffentliches Handeln heute braucht.  Wir entwickelten temporäre Foren für den Marienhof, dem neu entstandenen Platz hinter dem Rathaus. Der Marienhof lässt an die Agora denken, den zentralen Platz im antiken Athen, den die Philosophen Hanna Arendt und Jürgen Habermas als Ursprungsort unserer Demokratie bezeichnen. Was heißt Öffentlichkeit heute? Der Begriff hat sich von Vorstellungen einer Konsensgesellschaft verabschiedet, weil sie die Gegenöffentlichkeiten und das bruchstückhafte Wesen heutiger Öffentlichkeiten ignorierten. Substantielle Probleme wie die unumschränkte Datenerfassung und ihre Folgen, die Intransparenz ökonomischer Vorgänge, die gesellschaftlichen Folgen der Globalisierung könnten potenzielle Themen sein, die hier die öffentliche Debatte prägen.Skulpturen, Modelle, Filme und ortsbezogene Interventionen wurden für den Marienhof im Mai 2014 in der angrenzenden Rathausgalerie gezeigt.

Die Realisierung des Ausstellungsvorhabens wurde ermöglicht durch die Unterstützung des Kulturreferats und die Förderung des Projektes mit Drittmitteln der Firma Metaio und der Firma Raab Karcher.      

 

 

Intermedialität

Fusionen analoger und virtueller Entwurfsmethoden und ihre Einbettung in die Gestaltungslehre


In der Gestaltungslehre werden architektonisch, künstlerische Darstellungsformen in bild- und raumtheoretischen Kontexten vorgestellt und untersucht. Integrativer Bestandteil ist die Entwicklung von Transformations- und Abstraktionsprozessen aus der Synthese zeichnerischer, modellhafter und digitaler Medien. Bild und Raum werden mit experimentellen und transdisziplinären Methoden, analogen und virtuellen Darstellungen, Modellkonstruktionen, Materialforschungen, filmischen und fotografischen Montagen, Dokumentationen und Ortsanalysen erforscht. Die Performativität des Raumes, die Entgrenzung des Öffentlichen und Privaten, Globalisierung, Mobilität und digitale Archive werden im Kontext medialer und raumtheoretischer Diskurse untersucht.
In der Architekturausbildung ist die Fusion von filmischen Aufnahmen mit virtualisierten Modellen durch 3D imaging  eine neue Darstellungsmöglichkeit, Umgebungen, Orte und Räume von verschiedenen Standpunkten aus erlebbar zu machen.
Augmented Reality ist dagegen ein dialogisches Medium, das über rhizomatische Netzkommunikation in Echtzeit den Entwurfsprozess öffnet. Beide digitale tools vertiefen „ein Raumverständnis, das sinnhafte ästhetische Erlebnisse in Form von Atmosphäre- Körper-, Zeit-, und Polyperspektivitätserfahrungen ermöglicht.“8
Die Intermedialitätsforschung untersucht die transformativen Beziehungen innerhalb und zwischen den traditionellen, handwerklichen Künsten, den neuen (analogen) technisch apparativen sowie den ‚neuesten’ (digitalen) Medien. Die intermedialen Entwurfsprojekte wurden unter dem Titel „München Mitte und Dazwischen“ in der Rathausgalerie gezeigt.
„Das Dazwischen kann auf den unbesetzten Raum, ein Fehlen, eine Lücke gerichtet sein; es kann aber auch eine Grenze, einen Übergang benennen.“9
Die Techniken der erweiterten Realität in ihrer rasanten medialen Entwicklung werden zunehmend unseren Alltag bestimmen und müssen notwendigerweise Teil der Architektur- und Gestaltungslehre werden. Im Gegensatz zu der kommerziellen Nutzung in Computerspielen, Werbung und Fernsehen sollte die Medienkompetenz der Studierenden gestärkt werden und sie so in die Lage versetzen, diese neuen tools der digitalen Darstellungsmöglichkeiten und Simulationstechniken für komplexe gestalterische Prozesse nutzbar zu machen.
 
     

 

1 Simulation, Hrsg.: Stefan Iglhaut…Beitr. von: Florian Rötzer, Ostfildern, S.131

2 Lev Manovich, Illusion nach der Fotografie, Wie sich Wirklichkeit in digitalen Medien darstellt, 2001, in: Image – images, Tamara Horakova + Edwald Maurer…,dt. Erstausg., Wien, 287 – 306, S.288

3 Simon Rothöhler, High Definition, digitale Filmästhetik, 2013, Augustverlag Berlin, S. 42

4 Andrea Gleininger, Georg Vrachliotis, Hrsg. Simulation, Präsentationstechnik und Erkenntnisinstrument, Kontext Architektur, Birkhäuser, Basel, Boston, Berlin, 2008, S.31

5/6 Ronald T. Azuma, 1997: A Survey of augmented reality, Presence, Teleoperators and virtual environments, 1997, [6(4), S.355-385] in: Marco Hemmerling (Hg.) Augmented Reality, Mensch, Raum und Virtualität, 2011, Wilhelm Fink Verlag München, S.19  


7 Christian Hartard, Der Raum der Kunst,2010, Geschichte des plastischen Raums,
Forschungsprojekt am Institut für Kunstgeschichte der Universität München, S.8 

8 Christian Hartard, Der Raum der Kunst,2010, Geschichte des plastischen Raums,
Forschungsprojekt am Institut für Kunstgeschichte der Universität München, S.1

9 Andreas Sombroek, Eine Poetik des Dazwischen, zur Intermedialität und Intertexualität bei Alexander Kluge, 2005, transcriptverlag, Bielefeld, S.24        

PENTHOUSE

AUSSTELLUNG

 

 

 

 

In der Fakultät für Architektur erfährt die normierte Hausmeisterwohnung als Ausstellungsraum durch die Interventionen eine Transformation im Dialog oder Konfrontation vom eigentlichen Raum und den Exponaten. Die exklusive „Penthouse“ Phantasie bekommt vor diesem Hintergrund eine schillernde subversive Färbung. 
Der heterotope Charakter von

bestimmten Orten, z.B. das stillgelegte Areal im Olympiapark/S-Bahnhof Oberwiesenfeld als potenzieller Freiraum, der zur Umnutzung inspiriert, der Waschsalon als sozialer Hotspot, Treffpunkt ganz verschiedener sozialer Strata, die Subkultur der Diskothek, das Gebirge als Terrain für Snowboardraver und andere Freizeitrituale.

 

Plakat zur “PENTHOUSE” Ausstellung in der verlassenen Hausmeister Wohnung Karlstraße 6

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Penthouse – Ausstellungsaufbau
Erstes Semester 2011 (WS)

 

 

 

 

 

 



Bauaufnahme Theresienhöhe, Detailmodell | Holzkonstruktion, Gipskartonplatten, Spachtel
Erstes Semester 2011 (WS)

 

verspiegelte Polystyrolfragmente

Erstes Semester 2011


 

Raumschiff, Graupappe 2011, Roman Rohrer

 

Juha Päätalo,
Berglandschaft, Polystyrolfragmente

 

“Fraktales tshirt”| Baumwolle, Graupappe
Josephin Weber, Caroline Ziska, 2011

 

Spielhalle Hauptbahnhof 

Wannenbad, Badezusatz (Milch), Pumpenapparatur (Plexiglas, Heißkleber, Schläuche, Pumpe, blaues Neonlicht)
Sebastian Schwainberger

 

Thomas Peteranderl, 
S-Bahnhof Oberwiesenfeld,

Acryl gelasert 

 

S-Bahn Station Ruine Oberwiesenfeld

 
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Sebastian Schwainberger,
Spielhalle, Hauptbahnhof 

 

Soundinstallation “Atomic Cafe”
Philip Kugler

 

 

 

 

 

 

 

 


zimmerpflanze
Minh Nhut Tu & Katja Mayer

ROOMS 2.0

 

 

 

 

“(…)die Bedeutsamkeit der Probleme der Lagerung in der zeitgenössischen Technik: Speicherung der Information oder der Rechnungsteilresultate im Gedächtnis einer Maschine, Zirkulation diskreter Elemente mit zufälligem Ausgang (…), Zuordnung von markierten oder codierten Elementen innerhalb einer Menge, die entweder zufällig verteilt oder univok oder plurivok klassiert ist usw.”
Michel Foucault – Andere Räume

In einem sich stetig ausweitenden sozialen Netzwerk mit Webseiten wie Facebook, StudiVZ,Youtube, Xing und insbesondere auch den Mikroblogs wie Twitter werden Freunde gemacht und publiziert, um bestätigende Korrespondenzen zu sichern, Bezüge zu multiplizieren und per „I like Button“ Evaluationen zu ermöglichen. Im Netz werden Geheimnisse verraten und reproduziert, die in einer Schleife von endlosen Wiederholungen zirkulieren. Solche Mechanismen

provozieren ein stetiges Mitlesen, Mithören und Mitsehen des eigenen Tuns und Äußerns. Heute werden Räume übers Handy als Handlungszusammenhänge fokussiert, die kurzfristige Situationen sowie auch Atmosphären herstellen.

Die Filmstücke zeigen eine Pop und Medienkultur, ihre Suche nach sich selbst, Verhaltensmuster, ihre Partys und Exzesse.

Diese Räume mit ihren Inszenierungen und Selbstdarstellungen sind kreisende Konfigurationen heterogener Elemente und Verschiebungen, vielschichtig, widersprüchlich und komplex. Die Übersetzung dieser Räume ins modellhafte reflektieren die Multiperspektivitäten der Netzräume und ihre Atmosphären. Konzeptuelle fotografische, filmische und modellhafte Übersetzungen aktivieren die virtuelle Raumwahrnehmung, den Anschluß an das  kollektive Archiv, die Auflösung öffentlicher und privater Sphären…

 

 

 

 


Plakat zur Ausstellung 

  
 
   

  
 
   

 


SUPER8 Memories
Vanessa Ivan | 2011

 

Fraktale Sound Architektur, (Kunststoffkugel, Lautsprecherelemente, LED, Pure Data – PC Sounds)
Aurelien Stettner, Raphael Roßnagl, Philipp Brechtel

 


Hippiedome

 


FullerDome

 

LACKDome
Plexiglas Halbschale, Nagellack | 2011

 

Oliver Wagner, Micha Schneider, Felix Fehr

virtueller Raum, “frei nach Otto”

UTOPIA

 

 

 

 

 

 

In einer Zeit, in der die Dinge immer mehr im Fluss sind, sollten wir uns eher mit ungeplanten Entwicklungen ausein-andersetzen – informelle, latente, gewissermaßen unter der Wahrnehmungs-schwelle liegende Aspekte von Stadt rücken so in unseren Fokus. Diese im Wandel befindlichen Szenarien mit ihrem kreativen Potenzial gilt es zu erkennen, um damit Räume für neue Möglichkeiten zu erschliessen, dem Unvorhergesehenen

eine Form zu geben und utopische Fantasien zum Ort zu entwickeln.
In den städtischen Randgebieten werden die kommunikativen und räumlichen Kulminationspunkte und Brachflächen filmisch dokumentiert und analysiert – soziale und atmosphärische Aspekte von Raum und Ort zwischen urbanen Topografien, Migrationsthematiken, expandierenden Kommunikationsnetzen und virtuellen Räumen.

 

Ivan Dimitrov | Masterkurs Sommer 2012



Fassadenintervention Neuperlach 
Heliostat | bewegliche Wabenspiegel plexiglas “RADIANT” 

 

 
 
 

Wohnring Neuperlach, Soundintervention in Durchgang NW–SO
Drahtgitter Lötmodell, Luftballon, 2012

Ikraam Char, Nina Eder, Masterkurs Sommersemester 2012

 

Spiegel Shelter

Isabelle Schmitz, Steffi Schwangler 
Masterkurs Sommersemester 2012

SHORT CUTS

 

Architektur in 3 Minuten Filmen


Zehn Filme a 3 Min. ergeben 30 Min. Ausstellung in kondensierter Form. Kurz, konzentriert in teilweise offener Erzählweise von hoher emotionaler Dichte fordern sie vom Betrachter höchste Aufmerksamkeit und genaue Zuwendung. Als Experiment sollen die 3 min Filme als alternative Form der Ausstellung auch im Internet gezeigt werden. In jüngerer Zeit haben sich Filmgenres wie Werbespot oder Trailer zu einem neuen Modus des filmischen Erzählens herausgebildet. Innerhalb einer sich verändernden öffentlichen, medialen und kulturellen Landschaft, die zu einer neuen „Wahrnehmungsebene“ führt, werden neue Arten des Filmemachens entwickelt. 

So spricht Doug Aitken von der „stillen Revolution der Wahrnehmung“, die im späten 20., frühen 21. Jahrhundert begann und zu einer extrem fragmentierten Form der Wahrnehmungserfahrung und Informationsbeschaffung führt. Philippe Parreno spricht in diesem Sinne vom Prozess der „narrativen Wolkenbildung“, das heißt: wie eine Vielzahl von Stimmen, Geschichten und Ideen eine mehr oder weniger offensichtliche Struktur hervorbringen kann. Diese Überlegungen sind zugleich ein Echo der Pionierleistungen von Alexander Kluge, dem es weniger darum ging, die Zuschauer auf bereits festgelegte Assoziationsketten hinzulenken, sondern vielmehr den Betrachter in die Bedeutungsproduktionen zu involvieren und sie dadurch zu Koproduzenten der Filme zu machen.

 


Dominique Gonzalez-Foerster Parc Central Kyoto

 


Sarah Morris “Points on a Line”

 
 


Mark Leckey – “Made in 'Eaven”

 


Anri Sala


 

Während der Experimentalfilm meist eine Kontrahierung der Zeit anstrebte, lag das Paradigma der Videokunst in der zunehmenden Übereinstimmung filmischer und realer Zeit. Nicht selten stand bei vielen Videos der Aspekt der Aufzeichnung stärker im Vordergrund als eine Gestaltung durch Montage und andere Filmtechniken.

Die Filmerzählung oder das kurze Format greift oft auf das Mittel der Ellipse zurück. Laut Fremdwörterbuch bedeutet das Wort Ellipse „Ersparung von Redeteilen, die in gleichen oder in einem benachbarten Satz nicht mehr oder noch einmal vorkommen. Die Ellipse als Verfahren filmischen Erzählens ist sogar schon in der kürzesten aller filmischen Formen enthalten: in zwei durch einen Schnitt getrennte Bilder. Die Ellipse ist, so könnte man es sagen, die Kurzerzählung, die zwischen zwei Bildern stattfindet. Die bekannteste Erzählung darüber ist die des Wahrnehmungs-experiments von Kuleschow: das Bild eines berühmten russischen Schauspielers wurde mit dem Bild einer Leiche, eines leeren Suppentellers usw. montiert. Anschließend haben die Betrachter Auskunft gegeben über die großartige schauspielerische Leistung in der Darstellung von Leidenschaft, Hunger usw..
Dieser Kuleschow Effekt ist eine der Gründungsfiguren filmischen Erzählens geworden.

Ein Gegenargument gegen die Kürze von Filmen könnte das iranische Art- House Kino sein. Filme aus Ländern, die reich an Zeit, aber arm an Ressourcen sind. Eine neue Version der Kurzfassung von Filmen könnte Sergej Eisensteins „Montage der Attraktionen“ schaffen, jene filmische Version der Erfahrung einer Abfolge von Jahrmarktattraktionen, die er als Baustein seiner Vorstellung einer intellektuellen Filmsprache einsetzte oder die französischen Surrealisten, die in den Provinzstädten umherliefen und, in einer Art automatischen Schrift der kinematografischen Erfahrung in den Kinos ein- und ausgingen. Videokunst heute am Beispiel von Clearbout zeigt anhand eines Fotos die Vergeblichkeit der Moderne in der Architektur anhand einer sauberen, ordentlichen und hell erleuchteten Zukunft. In seinem, zum Teil digital komponierten Film, der in Wirklichkeit auf einem schwarz/weißen Archivbild basiert, sehen wir Menschen bei dem vergeblichen Versuch, in ein modernistisches Gebäude zu gelangen. Clearbout hat im Studio ein paar Leute gefilmt und diese Aufnahmen in den oberen Teil des Bildes eingefügt.

In Homes for America, einem Artikel, 1966 in Arts Magazine veröffentlicht, beschäftigt sich Graham mit dem Gedanken der Serialität und mit anonymen Herstellungsverfahren. In einem beigefügten Text beschrieb Graham die amerikanischen Vorstädte und Vorstadthäuser. Er spricht von Standartisierung, von industriellen Herstellungsweisen und der damit zusammenhängenden Entpersönlichung. Wie ein Wissenschaftsjournalist beschreibter die Mechanismen der Produktion und Distribution, die Auswirkungen auf die Landschaft und die Menschen. Durch das Zeigen der Serialität wird jene Entfremdung sichtbar,

die durch modernistische Utopien verursacht wurden. Als Architektur waren die Vorstadtbauten Prüfstein für soziale Tauglichkeit. Die soziale Tauglichkeit könne aber nicht durch reine Formuntersuchungen überprüft werden, wie die minimalistischen Positionen. Raum beinhaltet immer auch Information, Codierung und eine Vielfalt von hegemonialen Besetzungen und meint immer einen sozialen Raum und indem die Architektur aus Teilen besteht, die wie Bau- steine zusammengesetzt werden, entspricht sie nicht nur der Vereinfachung und Systematisierung, sondern einem Denken der unendlichen Reproduzierbarkeit. Das Objekt wird relevant nicht hinsichtlich einer Ganzheit, sondern hinsichtlich seiner Fähigkeit, zerlegt, zusammengebaut und vervielfacht zu werden. Weil Architektur nunmehr in der späten Moderne, reproduziert wird, ist sie ein Medium wie Fernsehen, Film, Fotografie, Druck etc. Grahams Reaktion darauf ist eine gewisse scheinbare formale Unausgegorenheit in der Aufnahmeweise, die eher das Alltägliche und Beiläufige zeigt, das ihm besonders wichtig ist. Unruhige Kamerafahrten wirken wie festgehaltene Augenblicke einer Fahrt durch die Peripherie. Eine Einstellung zeigt den Blick durch ein Glas. Es ist das Bild einer Spiegelung. Der Spiegel ist ein transitorisches Bild. Es braucht die Präsenz dessen, den es zeigt. Das beobachtende Subjekt ist nicht vom beobachtenden Objekt getrennt, sowie die Wahrnehmung nicht von sozialen Prägungen getrennt werden kann. Zwei Werkgruppen kennzeichnen seine Arbeitsweise: Menschen bei ihrem Tagewerk und Architekturansichten. Sie sind menschenleer und anonym, wodurch sich die Vorstellung von Privatheit verdeutlicht, die sich durch die Spezifik des architektonischen Umfeldes aufzulösen beginnt. Sarah Morris befasst sich mit der Fragmentierung der Wahrnehmung und der Gesichtslosigkeit städtischer Architektur. Dabei geht es ihr nicht um eine Kritik der Modernität, sondern um die Anziehungskraft, die sie ausübt. Morris bezieht sich auf Venturi, der Las Vegas als Stadt inhaltlicher Überfrachtung beschrieben hat. TV, Werbung, Film und Medien, die Macht von Farben und Oberflächen haben den öffentlichen Raum in Beschlag genommen. Auch die Bauten sind ein Konstrukt von Zeichensetzung und Imagebildung, Corporate design und Architektur als Macht und Herrschaftsinstrumentarium, sind gleichzeitig aber auch ästhetische Archetypen der Moderne. Die Idee, den Film als Architektur in Bewegung zu begreifen, findet sich heute vor allem in der Medienkunst wieder, die sich gleichzeitig der Konstruktion virtueller Räume und der Einbeziehung von Kinoerfahrung widmen. Die Sichtbarmachung des Filmschnitts bei Gordon Matta Clark ist in dem Film City Slivers von 1976 von zentraler Bedeutung. In diesem Film kann man von einem Blick auf das Zerschneiden einer visuellen Raumtextur sprechen über die Kadrierung des Bildes. Ein schmaler, vertikal verlaufender Ausschnitt zeigt eine städtische Situation am linken Bildrand. Einzelne Stadtbildfragmente stoßen völlig unvermittelt aneinander, überlappen sich teilweise oder bilden harte Grenzen gegeneinander.

LOOKING AT WIRES

 

 

 

 

(…Der Raum, in dem wir leben, durch den wir aus uns herausgezogen werden, in dem sich die Erosion unseres Lebens, unserer Zeit und unserer Geschichte abspielt, dieser Raum, der uns zernagt und auswäscht, ist selber auch ein heterogener Raum. Anders gesagt: wir leben nicht in einer Leere, innerhalb derer man Individuen und Dinge einfach situieren kann. Wir leben nicht innerhalb einer Leere, die nachträglich mit bunten Farben eingefärbt wird. Wir leben innerhalb einer Gemengelage von Beziehungen, die Plazierungen definieren, die nicht aufeinander zurück zu führen und nicht miteinander zu vereinen sind. Gewiß könnte man die Beschreibung dieser verschiedenen Plazierungen versuchen, indem man das sie definierende Relationenensemble aufsucht. So könnte man das Ensemble der Beziehungen beschreiben, die die Verkehrsplätze definieren: die Schienen, die Züge (ein Zug ist ein außerordentliches Beziehungsbündel, denn er ist etwas, was man durchquert, etwas, womit man von einem Punkt zum anderen gelangen kann, und etwas, was selber passiert). Man könnte mit dem Bündel der sie definierenden Relationen die provisorischen Halteplätze definieren — die Cafés, die Kinos, die Strände. Man könnte ebenfalls mit seinem Beziehungsnetz den geschlossenen oderhalb geschlossenen Ruheplatz definieren, den das Haus, das Zimmer, das Bett bilden … Aber was mich in dem Raum, in dem wir leben, durch den wir aus uns herausgezogen werden, in dem sich die Erosion unseres Lebens, unserer Zeit und unserer Geschichte abspielt, dieser Raum, der uns zernagt und auswäscht, ist selber auch ein heterogener Raum. Anders gesagt: wir leben nicht in einer Leere, innerhalb derer man Individuen und Dinge einfach situieren kann. Wir leben nicht innerhalb einer Leere, die nachträglich mit bunten Farben eingefärbt wird. Wir leben innerhalb einer Gemengelage von Beziehungen, die Plazierungen definieren, die nicht aufeinander zurück zu führen und nicht miteinander zu vereinen sind. Gewiß könnte man die Beschreibung dieser verschiedenen Plazierungen versuchen, indem man das sie definierende Relationenensemble aufsucht.

So könnte man das Ensemble der Beziehungen beschreiben, die die Verkehrsplätze definieren: die Schienen, die Züge (ein Zug ist ein außerordentliches Beziehungsbündel, denn er ist etwas, was man durchquert, etwas, womit man von einem Punktzum anderen gelangen kann, und etwas, was selber passiert). Man könnte mit dem Bündel der sie definierenden Relationen die provisorischen Halteplätze definieren — die Cafés, die Kinos, die Strände. Man könnte ebenfalls mit seinem Beziehungsnetz den geschlossenen oderhalb geschlossenen Ruheplatz definieren, den das Haus, das Zimmer, das Bett bilden… Aber was mich interessiert, das sind unter allen diesen Plazierungen die jenigen, die die sonderbare Eigenschaft haben, sich auf alle anderen Plazierungen zu beziehen, aber so, daß sie die von diesen bezeichneten oder reflektierten Verhältnisse suspendieren, neutralisieren oder umkehren. Diese Räume, die mit allen anderen in Verbindung stehen und dennoch allen anderen Platzierungen widersprechen, gehören zwei großen Typen an…) 

aus: MICHEL FOUCAULT Andere Räume (in: Barck, Karlheinz  u.a. (Hg.), Aisthesis. Wahrnehmung heute oderPerspektiven einer anderen Ästhetik, Leipzig 1992




Im Bereich Art&Design Research entwickeln wir analytische und konzeptuelle Prozesse, die in poetische und modellhafte Raumformationen übersetzt werden; über Abformungen in Betonguss, Gips, Wachs, Kunststoffe, Schokolade etc. – abstrakte Formulierungen eines atmosphärisch dichten Raumes. Diese Raumkörper, angesiedelt zwischen Skulptur und Architektur, beinhalten noch die Spuren ihres urbanen, sozialen Ausgangsortes, sind aber auch schon etwas Anderes, etwas Neues geworden, nämlich eine modellhaft architektonische Formulierung, in der die spezifischen, gesellschaftlichen Thematiken von Raum und Ort, Atmosphäre, Grenze und Struktur aufscheinen.

 

 

 

 


Plakat zur Ausstellung
“Herzog Ernst”/“Looking at Wires”

Wintersemester 10/11 

 

 

 

 

 

 


Ausstellungsansicht Lichthof Karlstraße

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 




 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



Christina Rieck
Josephin Weber
Sebastian Schwainberger
Sina Richter
Anette Schimanski
Elisabeth Wulff
Caroline Ziska
Minh Nhut Tu

 
 

Rathaus Geretsried | Andreas Wowra 

 

Singapur | Josephin Weber

 

Hausflur, Herzog Ernst Platz | Caroline Ziska

 

Ludwigsbrücke | Andreas Striegel

 

Marktplatz Miesbach | Josef Schweinsteiger

 

Odeonsplatz | Shukhrat Yuldashev

 

U-Bahnhof St.Quirin Platz | Sebastian Schwainberger

 

Gärtnerplatz | Tu Minh Nhut

 

Tiefgarage | Elisabeth Wulf

 

Pucher Meer | Christina Rieck

Architekturwoche 2010 A5
UNTERSUCHUNGEN
 ZUM STADTRAUM/

URBANOGRAFIEN



 


Die A5 in München beschäftigte sich unter dem Thema UMBRUCH ABBRUCH
AUFBRUCH mit der Auflösung der traditionellen Stadt und den neuen sich daraus ergebenen Verschiebungen und Strukturen. Stadt löst sich in ihrer gefassten Form auf und entwickelt sich jenseits ihrer Grenzen in der Fläche. Stadt und Land bilden keine Gegensätze, sie verweben sich gegenwärtig in einem komplexen Nebeneinander zur StadtLandschaft. Das Phänomen ist weltweit sichtbar und basiert auf gemeinsamen gesellschaftlichen Trends.

München endet nicht am Altstadtring, nicht am mittleren Ring. Einige Standorte der TU München, der Flughafen München, Gewerbezentren, Siedlungen und die Münchener Badeseen liegen weit außerhalb der Grenzen der Stadt. Stadt folgt heute nicht nur dem einen Bild. 



Beschreibt nicht nur mehr das städtische Leben in der kompakten Stadt. Unterschiedlichste Lebenswelten, wirtschaftliche und gesellschaftliche Verhältnisse äußern sich im gleichzeitigen Nebeneinander mannigfaltiger Szenarien von Stadt: Hochhäuser auf freiem Feld, das Ausflugsziel am Flughafen, neue Einfamilienhäuser hinter dem Lärmschutzwall der Autobahn, ein Stück alter Stadt nah der Science City, neben der Schafsweide das große Gewerbegebiet. In den peripheren urbanen Räumen, an den Stadträndern und Stadtregionen entwickeln sich neue Typen von Stadt, die über verschiedene Bezeichnungen erforscht und diskutiert werden: Metapolis, Netzstadt, Zwischenstadt, Edge City, Zwischenland, StadtLandschaft, urban landscape. Die Räume der Stadtlandschaft sind eine der zentralen aktuellen Herausforderungen für den Städtebau und die Architektur.

 

 

 

 


Plakat zur A5 “Videobooths” 2010

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Mira–shoppingcenter, Hasenbergl

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Berg am Laim

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Plakat zur A5 “Videobooths” 2010

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 




Videobooth Aufnahmen: Mira, Neuperlach, Hasenbergl “am Ende der Welt”

 

Architekturwoche 2010 A5

VIDEOBOOTH PROJEKT 

 

 

 

 

 

Über Städte, Identität und Identifikation

In den 80iger Jahren entstanden erste Beschreibungen und zusammenfassende Deutungen von damals neuen Phänomenen der Raumentwicklung, die von der Beobachtung ausgingen, dass sich die Beweglichkeit von Menschen, Informationen, Waren und Kapital deutlich erhöht hat. Als Folge wird angenommen, dass die Umwelt gleichförmiger, homogener erfahren wird.  Orte, Städte, markante Plätze oder Dörfer stehen generell in Gefahr, ihre soziale Bedeutung und ihren eigentümlichen Charakter zu verlieren. 3 Faktoren bewirken die Veränderung: Wirtschaftsentwicklung und Politik, die Entwicklung moderner Kommunikationstechnologien und freiwillige und unfreiwillige Migration. Jeder der genannten Prozesse erzeugt dabei seine eigenen Homogenisierungseffekte, die sich in Folge verstärken und gegenseitig bedingen. Die Auswirkungen dieser Entwicklungen betreffen nahezu jeden Aspekt menschlichen Lebens. Sie verstärken die Auflösung von lokal gebundenen Strukturen und Verhaltensweisen, relativieren Verwandtschaftsbeziehungen, die Rolle von Herkunft und Alter. Insgesamt führen diese Entwicklungen zu „ Ent-ankerung“, „ Ent-bettung“, oder zu „ De-connection“  

aller raum/zeitlichen Bezüge. 
An die Stelle der aufgelösten Traditionen treten neue „Lebensformen und Stile“, für die das globale Dorf der weitgehend anonyme Erfahrungskontext geworden ist. Unter medialem Dauerbeschuss entstehen an der Stelle traditioneller Vorstellungen und Entscheidungen potenziell globale Sichtweisen und Verhaltensformen, Gefühle und Gedanken, Formen sich zu kleiden und zu wohnen. Es besteht die Tendenz zu einer globalen Homogenisierung der Wünsche, die die Identitätskonstruktion beeinflussen. Im Hintergrund steht dabei auch die Frage nach der Rolle von lokalen Identitäten, von Möglichkeiten politischer Organisation und manchmal auch die Frage danach, ob es noch Orte gibt, die als Heimat verstanden werden können.
Der einfache Zugang zu Fernseh-programmen weltweit und die schnelle Ausbreitung des Internet hat die enge Beziehung von besonderer Charakteristik eines Ortes weiter relativiert und gleichzeitig eine neue Qualität des Lokalen entstehen lassen. Es gibt aber auch die Gegenthese, das im lokalen Bereich elektronische Medien eingesetzt werden, die auf lokalem Wissen basieren und es kommunizierend verstärken. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Ausstellungsplakat zum A5 Projekt
“monaco mobile”

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Ausstellungsansicht: Videobooths im leerstehenden Kaufhausgebäude während der A5

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Heft zum Videobooth–Projekt | Architekturwoche A5 Sommer 2010

 

 

 

 

 

 

Broadcaster notes:
How do we imagine a device like a public telephone(cheap, ubiquitous, easy, many vendors) but instead of making a call to a specific person, it allows you to place a public photo or video online?

Or more generally, what are Public Information Appliances?

 

Goals: Establish an easy to copy local business model based on maintaining an outlet for voluntary public documentation. Document human culture and viewpoints. Increase worth of local environments. Increase # of people who take part in internet uploading. Increase the size of the informational commons/public domain. Reduce time cost of documentation. Reduce the need to purchase specialized equipment for documentation. Distributed public media systems for preventing consolidation. Many many variations. Supports local installation and service small biz. Something like bike shops? Promote individual expression in shared spaces. A public history file for shared spaces. Positive reward system for small steps.  (Brooklyn Mobile)

 


Projektinspiration: BROOKLYN MOBILE

 

Videobooth Prototyp

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Jeans Videobooth 

 

Automatenbooth


Migrantenbooth, Landwehrstr

 

Glasfaserbooth | Sara Lindner und Sylvia Mögele, Sommer 2010

 

Spiegelbooth | Monika Grasberger, Sommer 2010

 
 
 

 

Teleschach 2010

NEUEUME FÜR

DIE KALRSTRASSE

 

Good vibrations

Die Idee des Entwurfseminars basiert auf einer Kritik an der gegenwärtigen Nutzung der Räume in der Karlstraße bezüglich der Studios, Ausstattung, Ausstellungsdisplay, Atmosphäre etc.
Über Raumwahrnehmung und Raum-



analysen geht unser Ansatz von inspirierten Überlegungen zum Ort, Handlungsräumen und situativen Prozessen aus.
Alternative Nutzungen, Interventionen und Aktionen, Umformungen, Transformationen und Atmosphären in der Karlstraße.

 

Wandelement, Faltung, Projektion (Kenneth Anger “puce moment”)

 

Soundsäule

 

ISTANBUL EXKURSION

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Istanbul in Deutschland. Am 2.12. waren über 40000 Zuschauer im Dortmunder Westfalenstadion, als Galatasaray sein Heimspiel in der Champions League gegen Juventus Turin mit 2:0 gewann. Ein Wettbewerbsnachteil war den Türken offensichtlich nicht entstanden, obwohl man das Spiel, wegen der vorangegangenen Terroranschläge in Istanbul, aus Sicherheitsgründen verlegt hatte. 

Das Publikum in Dortmund war begeistert, wie auch in einer türkischen Kneipe in Hamburg-St. Pauli, wo ich während der Fußballweltmeisterschaft 2002 das Viertelfinalspiel Türkei gegen Senegal verfolgte. Als ein Golden Goal des im Allgäu geborenen Ilhan Mansiz den hochverdienten Sieg in der Verlängerung sicherstellte, platzte die vollbesetzte Kneipe aus allen Nähten. Wildfremde Menschen fielen mir um den Hals, zu meinem Bedauern allerdings keine Frauen. Obwohl das nahegelegene Stadion des FC St. Pauli mehr weibliche Fans empfängt als fast jeder andere Verein, scheint Fußball für Türken auch in Deutschland reine Männersache zu sein. In den türkischen Kneipen und Kulturvereinen in St. Pauli sieht man nie weibliche Gäste. Auch in den Döner-Imbissen findet man Frauen meist nur hinter dem Tresen. Die einzigen Orte des türkischen öffentlichen Lebens, wo man sie mehrheitlich antrifft, sind Gemüseläden und Supermärkte. Ich kenne jedoch einige in Hamburg lebende Türkinnen,

die aktiv am kulturellen Leben teilnehmen. Sie machen Kunst, entwerfen Schmuck, schreiben und philosophieren oder führen eine Anwaltskanzlei. Doch das kulturelle Leben, in dem ich sie kennengelernt habe, ist nicht das „türkische“. Und wer von ihnen sich überhaupt für Fußball interessiert, geht bestimmt nicht in die türkische Kneipe, sondern zum sich dezidiert links und multikulturell gebenden FC St. Pauli.  

Wo ist Istanbul? Ist Istanbul nicht auch in Hamburg oder Dortmund? Gibt es nicht auch in Istanbul ganz viele Istanbuls – etwa das jüdische, das vielen Menschen durch die Terroranschläge überhaupt erst bewusst wurde? Gibt es ein männliches und ein weibliches Istanbul? Und welches Istanbul haben wir im Kopf, wenn wir nie dort waren? Ist Istanbul die Stadt der türkischen Märkte und Bäder, der schmucken Moscheen und Minarette, die uns die touristischen Postkarten zeigen? Oder ist Istanbul die Stadt ärmlicher vermoderter Hütten, deren Bewohner in weit außerhalb liegende trostlose Trabantenstädte umgesiedelt werden, die zumindest sanitären Mindeststandards genügen? Oder ist Istanbul die Stadt sauberer, disneylandhafter Gated Communities, die dort entstehen, wo man gentrifizierte Armenviertel abgerissen hat? 

Ludwig Seyfart

Lebt in Berlin 
Freier Autor und Kurator

 

 

 

 

 

 



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
 
 
 
 
 

TOPKAPI

 

DIE METAMORPHOSE ISTANBULS: GLOBALISIERUNG UND IDENTITÄTSENTWURF

Die erste Stadt meiner Wahl ist Istanbul als Schnittstelle vorderasiatischer und euro- päischer Kultur. Sie nimmt teil an den verschiedenen Arenen und Ebenen der globalen Netzwerke und der sich daraus formulierendenIdentitätsentwürfe. Die Globalisierung von Istanbul hatte gleich-zeitig die Expansion und die Fragmen-tierung der urbanen Strukturen zur Folge. Historisch verband die ethnischen Gemeinschaften trotz ökonomischer Unterschiede eine gemeinsame Nachbarschaft. Die Industrialisierung dagegen trennte Istanbul in Wohngebiete und Viertel mit ökonomischer Aktivität. Nach 1950 erfolgte dann die erste Einwanderungswelle aus Anatolien, die sich in den achtziger Jahren massiv fortsetzte. Gleichzeitig führte auch die Ausbreitung des Konsumerismus und die ökonomische Liberalisierung dazu, dass Istanbul heute ein Puzzle verschiedener Bevölkerungs-
gruppen geworden ist. Dieser Prozess beschleunigte sich in den letzten 20 Jahren mit der Öffnung der Türkei für die globalen Märkte.

Der Bürgermeister Dalan ließ für sein Projekt „Weltstadt Istanbul“ Fünf-Sterne-Hotels, Kongresszentren, Shoppingmalls und Schnellstraßen konzipieren und bauen. Der urbane Raum wurde unterteilt in die Bereiche Arbeit, Shoppen, Wohnen und Vergnügen. Die Medien wurden in Kitelli zusammengefasst, die internationa-len Finanzgeschäfte wurden in Richtung Maslak angesiedelt und das Mackatal für Messen und Kongresse ausgebaut. Die Einwanderungswellen aus Anatolien einerseits und das veränderte Konsum- verhalten der „middle-“ und „upperclass“ andererseits ließen neue Wohnareale entstehen, die sich räumlich, symbolisch und architektonisch voneinander unter- scheiden. Downtown-Gebiete wie Galata und andere ruinierte Areale von histo- rischer und ästhetischer Bedeutung etablierten sich dagegen als Vergnügungs- viertel. Eine halbe Autostunde vom Zentrum entfernt, entstanden exklusive Satellitenstädte. Diese „gated communities“, von Mauern umgeben und durch Sicherheitskräfte bewacht, sollten den Traum einer homogenen, konfliktlosen Umgebung für wohlhabende Familien mit Kindern verwirklichen.

Aus: Topkapi, Fotoessay, Maren Paulat 2003

 

Galataturm


Galataviertel


Einkaufstour


Lastenträger


Gebetsraum Erweiterung

Perfromative Structures

 

Die Definition von Form in experimentellen architektonischen Entwurfsprozessen ist von verschiedenen Parametern und Elementen beeinflusst. Der Entwurfs- kontext, die benutzten Medien, das Material, die Konstruktionsgesetze und die Zusammensetzung des Entwurfsteams sind einige der Elemente, die bewusst oder unbewusst eine wichtige Rolle in der Produktion von Form spielt. In diesem Kontext generieren digitale Form- findungswerkzeuge, Methoden und Herstellungsprozesse eine ganz neue Formensprache in der experimentellen architektonischen Entwurfspraxis und ihrer modellhaften Übersetzungen. Aus dem Diskurs des Entwurfsprozesses als konzeptuelles Netzwerk entstehen

Vorstellungen von Oberflächen, Muster, Ornament, das Parametrische und das Performative. Diese Konzepte formulieren ästhetisch, architektonische Antworten auf die Spezifizität der digitalen Medien und die von ihnen gesteuerten Herstel-lungswerkzeuge. In diesem Zusam-menhang kann die Idee der Hülle neu gedacht und artikuliert werden. Motiviert durch diese Möglichkeiten entwickelten wir prototypische Versuchs-anordnungen mit flexiblen Formen und Netzen, schillernde Hüllen, performative Strukturen, die sich aufspreizen und zusammenziehen, die abstrahlen und in ihrer beweglichen transparenten Struktur mit Bewegungsmeldern etc. die Rolle des Performers übernehmen.

 

 

 

BLOG des Instituts für Gestaltung

 

Ansprechpartnerin / Institutssprecherin:

Prof. Maren Paulat

 

Hochschule München | Fakultät für Architektur

Institut für Gestaltung | Art and Design Research

Karlstraße 6
80333 München

 

Kontakt:

maren.paulat@hm.edu

Tel.: 089 1265 2601

Fax.:089 1265 2630